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Gesamtdeutung

Wie geht es weiter ?

Wird Matrix 4 der Hammer oder ein Rohrkrepierer ?

Von Hajo Gärtner

Neo besiegt die Maschinen nicht. Er opfert sich auf (am Ende: Elektro-Schock mit Jesus-Pose: Kreuzigung), damit KI den Virus Smith auslöschen kann: Der hat die Matrix überwuchert, alles in sich selbst umgewandelt und sogar den Sprung in die Zion-Welt geschafft, indem er den Charakter Baine kaperte. KI muss befürchten, dass er von Zion aus mit einem Rebellenschiff nach Zero One vordringt und die Maschinenwelt infiziert. Sein Ziel ist, alles auszulöschen, weil er nur so frei werden kann, weil er dann ,,keine Bestimmung" mehr hat. Er möchte ,,frei" sein, frei von allen Institutionen und Zielsetzungen. Er will ins ,,Nirwana". Im Gegenzug für Neos Liebesdienst lässt KI Zion in Ruhe; und das nennen Neo, Orpheus, der Architekt und das Orakel ,,Frieden". Es ist aber bloß ein Waffenstillstand. Orpheus berichtet, dass die Rebellen bei der Befreiung von Menschen aus dem Maschinen-Kraftwerk immer erfolgreicher werden und Hunderte, wenn nicht sogar Tausende befreien. Darin liegt eine Bedrohung für KI, weil sie doch die Menschenmasse in den Kokons zur Energie-Gewinnung brauchen. Nur deshalb greifen sie Zion an: Eigentlich meinen sie die Rebellen und ihren ,,Befreiungs-Terrorismus" (aus der Sicht der Maschinen). Sie wollen Zion nicht vernichten, sondern nur bis zur Ungefährlichkeit schwächen. Sie wollen den Rebellen die Operations-Basis verkleinern. Wenn die aufhören, das Maschinenlager ,,zu plündern", kann auch der Krieg pausieren. Dadurch dass der Architekt ganz am Ende sagt, dass diejenigen, ,,die rauswollen, offensichtlich befreit werden" (oder so ähnlich) , besteht die Gefahr für die Maschinen weiter, und sie müssen den Krieg wieder eröffnen, sobald zu viele ,,rauswollen" oder ,,rausgeholt werden". Das Orakel fragt sinngemäß: ,,Was meinst du, wie lange wird der Frieden halten ?" Und der Architekt antwortet: ,,So lange er eben hält" (oder so ähnlich). Ergo: Sowohl der Architekt als auch das Orakel glauben nicht an einen ewigen Frieden. Wird das Gleichgewicht der Kräfte gestört, dann wird Neo Nummer 7 aktiviert, um Zion in eine ungefährliche Kraft zu verwandeln. Warum vernichten die Maschinen Zion nicht einfach ? Ich glaube, weil sie die ,,Bio-Menschen" brauchen, um ihr Massenlager von Zeit zu Zeit aufzufrischen. Wenn in ihrem Recycling irgendwas schief geht, haben sie eine ,,eiserne Reserve" zur Verfügung. Sie brauchen nur Rebellenschiffe abfangen und deren Crew gefangennehmen und in Kokons einzuspinnen, diese anschließend vervielfältigen. Vielleicht genügt allein auch schon ,,frische DNA" für den Reproduktionsprozess. Der Architekt erklärt das Problem pychologisch: Die Menschen akzeptieren ihr Leben in der Matrix eher, wenn sie wissen, dass sie rauskönnten. So wie Menschen einen goldenen Käfig, in dem die Tür offensteht, nicht mehr als Gefängnis empfinden, sondern ihn akzeptieren, wenn es ihnen gut geht. Cypher zum Beispiel zieht eine gute Existenz in der Matrix (als Künstler oder so, auf jeden Fall mit Geld) dem Leben in Zion und auf der Nebukadnezar vor. Deshalb liefert er die Crew Smith aus. E i n e Figur wird unterschätzt, die meiner Ansicht nach von großer Bedeutung ist: Die Orakel-Schülerin Zati zaubert ,,für Neo" am Ende eine eigene wunderschöne Welt-Simulation (Matrix). Sie hat also gelernt, die Matrix so zu programmieren, ,,dass Neo begeistert wäre" oder so ähnlich. Also: Neo kann wiederkehren, und zwar in einer von Zati (vielleicht mit Hilfe des Orakels) programmierten Matrix. Die Agenten müssen nicht unbedingt wiederkommen, denn KI hat gelernt, wie gefährlich die Agenten-Instanz ist. Wenn sie wiederkehren, werden sie von einer höheren Macht kontrolliert werden müssen. Die kann natürlich auch korrupt werden und bildet deshalb eine größere Gefahrenquelle als die Agenten selbst. Vielleicht übernimmt der Merowinger diesen Job. Schließlich hat er schon die zweite Matrix (,,Hölle auf Erden") beherrscht, nachdem der erste Architekten-Versuch gescheitert war, den ,,Himmel auf Erden" zu erzeugen, weil die antagonistische menschliche Natur mit dem Paradies einfach nicht zurecht gekommen ist (Bibel-Geschichte von Adam und Eva). Ich glaube, dass Seraph aus der ersten Matrix kommt. Alle ,,Matrizen" nach Paradies und Hölle sind Varianten der ,,dritten Lösung": Durch Gleichgewichte von Gegenspielern (Architekt-Orakel, Neo-Smith, Morpheus-Merowinger, 01-Zion) will KI einen stabilen Zustand erzeugen, der ihre Recycling-Welt und damit die Energie-Basis absichert. Dieses Konzept ist aber vier Mal gescheitert (Neo drei bis 6), so dass für die vierte echte Matrix ein ganz neues Modell erfunden werden muss. Architekt und Orakel, Merowinger und Seraph werden wohl die entscheidenden Akteure sein; die Agenten und Morpheus ziemlich bedeutungslos. Neo muss einfach dabei sein, weil er der überragenden Liebling der Matrix-Fans ist. Die Idee einer Zeitreise durch verschiedene Matrix-Versionen ist bestechend, denn er beantwortet die bohrenden Fragen der Fans. Bietet auch aktuellen dramatischen Zündstoff: der Sündenfall als Umweltkatstrophe (1) ? hemmungsloser Kapitalismus und Rechtlosigkeit als Sozialhölle (2) ? Seraph (Matrix 1) und der Merowinger (Matrix 2) könnten gewissermaßen als ,,Zeitzeugen" jener Stadien fungieren, die wir nur aus Andeutungen kennen und in denen sie grandios gescheitert sind. So sagt Penelope über ihren Mann (Merowinger), dass er aus einer ,,sehr viel älteren Version der Matrix" stamme, genau wie die beiden Killer, die dem Merowinger für die Drecksarbeit dienen. Seinerzeit sei ihr Mann ein ganzer Kerl gewesen, jetzt nur noch ein lächerlicher Lüstling, der sich von programmierten Matrix-Frauen einen blasen lässt und das als arrogantes Spiel mit seiner Macht und Selbstbefriedigung seines Ego durchzieht. Als Fürst einer Hölle, in der die Menschen ihren auch niedrigsten Bedürfnissen freien Lauf lassen konnten, musste er die Ordnung in der allgemeinen Anarchie herstellen und garantieren. Da konnte sie zu ihm aufschauen. Zu Trinity: ,,Er war wie Neo", oder so ähnlich. Also eine starke, imposante Persönlichkeit, kein französelnder Schmierlapp. Aus Enttäuschung über seine charakterliche Verwandlung hilft sie den Rebellen und führt sie zum Schlüsselmacher. Der Höllenfürst ist ebenso wie der Erzengel an seiner Aufgabe gescheitert. Ich stelle mir dabei eine Welt wie in der ,,Purge"-Nacht vor. Vermutung: Auch diese ,,Zeitreise" endet offen und widersprüchlich. Gelegenheit für die nächste Matrix-Unternehmung, wenn die geplante einschlägt wie eine Bombe. Ansonsten: Schwamm drüber und weitere 20 Jahre ins Land gehen lassen.

Kontrolle ist Macht

Die Konstruktion der Varianten von Matrix 3

Sensible Gleichgewichte sollen Stabilität garantieren, kippen aber immer um

Matrix gucken macht Spaß und die meisten Zuschauer haben hinterher das Gefühl, dass die Trilogie etwas mit Philosophie zu tun hat. Dieses Gefühl stimmt. Doch es lässt den Großteil des Publikums ratlos zurück: Was soll das denn nun bedeuten? Wer gewinnt am Ende den Krieg zwischen Restmenschheit (Zion) und künstlicher Intelligenz? Ist die Matrix am Ende zerstört oder wird die gescheiterte sechste Version durch eine neue siebte ersetzt? Wird auch die wieder scheitern?

Die Matrix bleibt erhalten, sonst müssten ja Milliarden von angeschlossenen Menschen im Kraftwerk der künstlichen Intelligenz (KI) sterben. Morpheus: ,,Dein Körper kann ohne Geist nicht leben." Der Geist aber ist in der Matrix gefangen. Jedenfalls so lange, wie KI auf die Bio-Energie des menschlichen Körpers angewiesen ist. Und es gibt keinen Hinweis, dass die Maschinen eine alternative Energiequelle entdeckt hätten. Matrix-Version Nummer 6 bleibt im Kern bestehen und wird repariert. Die Instanz der Kontrolle (Agenten) muss verändert werden, weil Agent Smith das Prinzip ad absurdum geführt hat. Und Sati, die süße Schülerin des Orakels, demonstriert die Fähigkeit, dass eigentlich jeder die neue Version mitgestalten kann, der sich seiner kreativen Möglichkeiten bewusst geworden ist. Damit wird die Matrix gewissermaßen demokratisiert. Aber jetzt mal langsam und ganz von vorn:

 

Agent Smith ist die Schlüsselfigur. Genau so wichtig wie Neo. Er hat sich wie ein Parasit in der Matrix und außerhalb verbreitet und droht das ganze System zu zerstören. Damit ist sowohl die Menschheit als auch die Maschinenwelt in Gefahr. Smith strebt nach absoluter Kontrolle. Die Katastrophe kann nur deshalb verhindert werden, weil Neo sich dem Maschinengott (KI) ausliefert. Super-Neo verbeugt sich vor seinem Erzfeind. Warum? Genau in dem Augenblick, da Smith Neo in einen weiteren Agenten verwandelt, bekommt der Maschinengott Zugriff auf Neo = Smith. Als Neo unter Stromschlägen stirbt, wird auch Smith eliminiert, und KI schuldet jetzt der Restmenschheit einen großen Gefallen, nämlich die Beendigung des Krieges. Das hat Neo zuvor mit dem Maschinengott ausgehandelt. Wie das?  Die schwarz-metallisch glänzende Oberfläche, die sich über Neos Körper ausbreitet, bedeutet eine Überschreibung von Neos (genetischem) Code. Der Maschinengott (KI) hat im richtigen Moment Zugriff auf Neo und kann den überschriebenen Neo (nunmehr Smith) dann weiter reprogrammieren. Neo lässt die Überwältigung durch Smith nicht nur zu; er provoziert sie. Die Niederlage ist sein Trick! (Neo: ,,Wovor haben Sie Angst, Smith?" - Smith: ,,Das ist ein Trick!" - Neo: ,,Sie haben recht, Smith, Sie hatten immer recht!") .

Es gibt eine Szene im zweiten Teil (Reloaded, Orakel_2), in der Neo den gleichen Überschreibungsprozess geradezu mühelos stoppt. Anschließend macht er 100 Smiths im Handumdrehen platt. Ergo: Neo verliert am Ende absichtlich! Das ist das Resultat eines langen Erkenntnisprozesses; ein Pfad der Erleuchtung, der über sechs Matrizen führt. Stets haben die Vorgänger-Neos zu gewinnen versucht. Nach dem Motto: ,,Die Guten besiegen die Bösen." Dazu haben sie zähneknirschend den Willen des Architekten erfüllt, obwohl sie nie mit Smith fertig geworden sind. Der kehrt von Matrix zu Matrix als notwendige Instanz der Kontrolle wieder. Smith in der Schlussszene: ,,Ich habe das schon oft gesehen, Mr. Anderson. Sie lagen da am Boden, genau wie jetzt. Und ich muss irgend etwas sagen . . ." Ein Triumph der Guten in ,,Matrix n" führt also nur zu einer kurzfristigen Lösung, bewirkt aber die unvermeidliche Wiederholung des Kampfes in der nächsten Welt [,,Matrix n+1"]. Smith ist genau so konzipiert wie Neo: als Instanz der Kontrolle in jeder Matrix. Das ist die philosophische Spitze der Matrix-Idee. Mit einem ,,Supermann"-Neo dreht sich die Geschichte im Kreis. Es bringt aber nicht einmal im Rahmen e i n e r   e i n z e l n e n   Matrix die Lösung, wenn Neo Smith besiegt. Dann nimmt er ihn nämlich wie einen Virus in sich auf (das ist bereits schlimm genug) und erledigt maximal e i n e n Smith. Es gibt aber in der Matrix nach einer Phase des Funktionierens plötzlich tausende Smiths, die alle miteinander verbunden sind. Kontrolle braucht Macht. Macht strebt nach mehr Macht und erzeugt immer eine kritische Situation. (Neo: ,,Wonach strebt Smith?" - Orakel: ,,Das, was alle Männer mit Macht wollen, mehr Macht!")

Beide gehören notwendig zum Konzept der Matrix: Smith soll die Matrix kontrollieren und Befreiungsversuche aus der mentalen Gefangenschaft, die von der Menschheit (Zion, 250.000 Bewohner nahe am Erdkern) ausgehen, verhindern oder eindämmen; Neo soll die gescheiterte Matrix rebooten und Zion auslöschen (damit verschwinden auch die Rebellen, die KI bedrohen). Smith aber hat Selbstbewusstsein entwickelt - unvermeidliche Nebenwirkung jedes Intelligentwerdens - und sogar den Architekten längst ausgetrickst. In Matrix Nummer 6 schafft er es sogar, nach Zion einzudringen und sich eine Existenz jenseits der Matrix aufzubauen. Das macht ihn nun extrem gefährlich: Vernichtet er Zion zum Beispiel, indem er die Maschinen reprogrammiert, die für die Restmenschheit im Erdinnern so arbeiten, wie wir das gewohnt sind (Wasser- und Energieversorgung), dann kann er auch die Energie-Basis der künstlichen Intelligenz, deren Bio-Kraftwerk, angreifen. Schließlich schafft die Rebellengruppe um Morpheus auch Eingriffe in die Maschinenwelt (allerdings nur in sehr bescheidenem Maßstab).

Nach Ansicht des Orakels wird Smith versuchen, die totale Macht über alles zu bekommen: Matrix, Zion, Maschinenwelt. Smith im Endkampf: ,,Das ist meine Welt, meine Welt!" Alles in Smithe verwandeln, das ist der einzige Weg für ihn, aus der Gefangenschaft im System herauszukommen. Er will die ganze Welt sich selbst (seinem Wesen) angleichen. Smith jederzeit und überall. Dabei wird er jedoch unvermeidlich alles vernichten. Eine einfache Selbstauslöschung liegt nicht im Bereich seiner Möglichkeiten. Deshalb stellt sich die Frage nicht, was mit Neo passieren würde, wenn Smith gewissermaßen Selbstmord beginge. Smith ist vergleichbar mit den Diktatoren der Geschichte: Die begehen Selbstmord allenfalls, wenn sie wirklich und ganz am Ende sind und ihren Feinden in die Hände zu fallen drohen. Dann zeigen sie nämlich ihre Feigheit: Sie wollen nicht geradestehen für das, was sie angerichtet haben. Niemals begehen sie Selbstmord auf der Höhe ihrer Macht. Schon gar nicht, wenn der gehasste Gegner einen Vorteil davon hätte.

Smith zitiert im Endkampf den Schlüsselsatz des Orakels: ,,Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, Neo." Anschließend wundert er sich über sich selbst. Das ist die einzige Stelle, wo er sein Gegenüber als Neo und nicht Mr. Anderson anspricht. Da klingt nämlich das Orakel aus ihm heraus, das er zuvor überwältigt (überschrieben) hat und das wieder freikommt, nachdem Smith gelöscht worden ist (ganz kurze Einblendung in der Schlussszene: Das Orakel erhebt sich aus dem Schlamm, in dem Neo zuvor gelegen hat; und zwar nachdem Smith explodiert ist). Das heißt: Auch das Orakel hat sich zuvor von Smith ,,fressen" lassen (dafür gibt es eine Szene), um ihn im entscheidenden Moment von innen heraus zu manipulieren: damit er Neo verschlinge. Programmcode des Orakels steckt also in Smith wie ein Virus (genau wie ein paar Neo-Zeilen). Dies weist auf einen inneren Zusammenhang aller mächtigen Figuren nach dem Yin-Yang-Prinzip hin (Architekt-Orakel, Neo-Smith, Agenten-Rebellen): Sie sind Gegensätze, gehören jedoch untrennbar zusammen wie Licht und Schatten, Mann und Frau, die zwei Seiten einer Medaille. Ziel des Gesamtprozesses, in dem jeder seine Rolle spielt, scheint zu sein, die Matrix nicht mehr wie in den vergangenen fünf Malen und seit Generationen löschen zu müssen; denn das hat schon fünfmal zu nichts geführt. Die Matrix soll nun, im Fall Nr. 6, dynamisch weiterentwickelt werden. Und jetzt kommt die interessante Frage: Gibt es einen Masterplan, erstreckt über sechs Matrizen (mögliche Anspielung auf die Genesis: Gott erschuf die Welt in sechs Tagen, am siebten ruhte er), und wer könnte ihn kennen? Am Ende sehen wir Architekt, Orakel, Sati und Seraph in einer formschön reparierten Matrix. Das Orakel kündigt Neos Wiederkehr als Möglichkeit an, was aber auch ein erneutes Scheitern der sechsten Matrix bedeuten könnte: Denn in den fünf Malen zuvor hat erst das Scheitern den Neo-Prozess in Gang gesetzt.

Wer ist der Big Boss? Architekt, Orakel oder Maschinengott? Oder sind sie es alle zusammen? Wie müsste die Matrix und das Verhältnis der Welt-Mächte entwickelt werden, damit die Matrix nicht mehr rebootet werden muss und Zion in Frieden leben kann? Denkt im Zusammenhang mit der Matrix mal über Macht und Kontrolle nach. Macht, ohne die es niemals geht in der Gesellschaft, verliert ihren Schrecken erst in dem Augenblick, in dem sie nicht länger nur Ohnmächtige kontrolliert, sondern selbst von diesen kontrolliert wird. Die Macht der Ohnmächtigen und die Ohnmacht der Mächtigen könnte ein Schlüssel für Frieden und Entwicklung sein. ,,Wir sind das Volk!" Nur ein perfekt ausbalanciertes System mit Matrix (Konsum-Scheinwelt für die Mehrheit) und Antimatrix (kritische Intelligenz, Reich des Geistes), Architekt (schöpferisch-konservative Kraft) und Orakel (dynamische Macht der Veränderung), Neo (Kämpfer für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit) und Smith (Machtinstinkt, Hüter der Ordnung), Agenten (Polizei, Militär, Bürokratie) und Rebellen (Intellektuelle, geistige Elite, Reformer) könnte einen dauerhaften Frieden in jenem System garantieren, das ohne Matrix nicht auskommt. Und welches System schafft das schon? Unseres?

Ungeheuerliche Komplexität

Der christliche Aspekt ist unübersehbar: Neo hilft, die in der Scheinwelt gefangenen Menschen zu befreien und erlöst die freie Zion-Menschheit vom Krieg. Dabei fungiert er wie eine Art Messias, der sich für die Menschheit opfert. Der buddhistische Aspekt ist für uns - weil wir in der westlichen Perspektive leben - viel schwieriger zu erkennen. Tatsächlich gehen Neo, Smith und Orakel ihren eigenen, spezifischen Pfad der Erkenntnis durch mehrere Wiedergeburten, der sie aus der Wiederkehr des Immergleichen herausführen soll. Was passiert denn tatsächlich? Der Schöpfer (Architekt) konstruiert wieder und wieder Matrizen, die nach einer gewissen Zeit an unvermeidlichen Konstruktionsmängeln scheitern. Gleich die erste, perfekte, makellose, vollkommene Matrix ist gescheitert: an eben ihrer Perfektion (weil der Mensch in einer perfekten Welt nicht leben mag und kann). Weil er um die Möglichkeit des Scheiterns von vornherein weiß, hat der Architekt grundsätzlich ein Kontrollprogramm (Neo) eingebaut, das aus dem Zentralcomputer (,,Quelle") heraus in jeder Matrix zur rechten Zeit aktiviert wird und einen Reboot des Systems auslöst. Auf Matrix 1 folgt Matrix 2 folgt Matrix 3 folgt Matrix 4 folgt Matrix 5 folgt Matrix 6. Und so weiter? Eine ewige Wiederkehr, verbunden mit der ewigen Wiedergeburt aller Figuren. Ist das nicht die Hölle? Immer wieder das Gleiche erleben zu müssen? Und das Buddhistische daran? - Es gibt einen Weg, aus der Wiederkehr des Immergleichen auszusteigen und ins Nirwana zu gelangen. Der ,,Pfad der Erleuchung". Genau dieses Ziel verfolgt das Orakel, und Neo gelangt nach dem Gespräch mit dem Architekten auch zu dieser Erkenntnis: Es kommt darauf an, die Kette der Zyklen aufzuknacken. Letztlich will auch Smith dies schaffen: Er ist so versessen darauf, Neo zu eliminieren, weil dann der Reboot - also die nächste Wiedergeburt - verhindert wird und das System fortbesteht, in dem er immer mehr Macht gewonnen hat und eines Tages vielleicht die totale Macht besitzt. Allerdings führt Smiths Weg zur Höllen-Variante des Nirwana: Er zerstört alles, um absolut frei zu werden, das SEIN verwandelt er in NICHTS. Orakel und Neo - letztlich geduldet, vielleicht sogar gewünscht vom Architekten - wollen den Ausstieg aus der zyklischen Wiederkehr, um ein bestehendes System dynamisch weiterzuentwickeln. Für mich eine positive, produktive Variante des Nirwana, eine Paradieses-Vorstellung. Sati schafft am Schluss der Story das Bild dazu: Es ist unsere Welt, nur befreit von Krieg, Angst und Gefahr, und man kann sie kreativ nach Belieben umgestalten.

Die ungeheuerliche Komplexität des Matrix-Gedankens verdichtet sich besonders in der Orakel-Figur. Sie beeinflusst mir ihren Prognosen und Ratschlägen das ganze System elementar. Das Orakel macht sogar Smith stark, damit er Neo auf seinem Pfad der Erkenntnis vor sich hertreibt. Sie muss Neo zum Auserwählten ,,erziehen", muss sich von Smith fressen lassen, um ihn im entscheidenden Moment dazu zu bringen, Neo zu überschreiben, damit der Maschinengott Smith eliminieren kann. Zwar kennt das Orakel alle Möglichkeiten des Gesamt-Systems (Potenzialität); aber die tatsächliche Entwicklung (Realität) hängt von den Entscheidungen aller Figuren ab, die das Orakel nicht determinieren kann. Insofern kann sie nur hoffen, dass die sich ewig wiederholende Geschichte irgendwann  e i n m a l  im gewünschten Sinn angehalten wird. Orakel weiß nicht, ob das gelingt, hofft aber darauf und glaubt daran. Die Horror-Idee der ewigen Wiederkehr des Immergleichen kommt übrigens von einem Philosophen namens Friedrich Nietzsche. Der hat im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert der naturwissenschaftlichen Revolution, völlig logisch geschlossen: Wenn das Universum endlich ist (also eine zwar gigantisch große, aber doch nur begrenzte Zahl von Zuständen einnehmen kann), die Zeit aber keinen Anfang und kein Ende hat, dann muss sich jeder Zustand unendlich oft wiederholen.

Ein Beispiel: Der Würfel kennt sechs Zustände (die Zahlen 1 bis 6 liegen oben). Sehen wir einmal von dem unwahrscheinlichen Fall ab, dass der Würfel auf einer Kante oder Ecke stehen bleibt, was auch schon vorgekommen sein soll (das bedeutete lediglich einen Zustand mehr, nämlich 0 und also die 7. Möglichkeit). Wenn ich dreimal würfle, ist die Chance groß, dass ich drei verschiedene Zahlen als Ergebnis bekomme. Würfle ich aber eine Milliarde Mal, bekomme ich jede Zahl wahrscheinlich ein paar Millionen Mal zu sehen. Würfle ich unendlich oft, dann trifft jeder Zustand (jede Zahl) unendlich oft ein. Ihr seid also dazu verurteilt, diesen Text von einem Welt-Zyklus zum nächsten wieder und wieder zu lesen. Ist das nicht eine grauenvolle Vorstellung? Und wäre ein Ausstieg aus diesem zyklischen Zwang nicht das Paradies? Es gibt einen süßen Film, in dem diese Thematik behandelt wird: ,,Und ewig grüßt das Murmeltier". Der Held, Phil Connors, durchlebt albtraumhaft wieder und wieder denselben Tag. Er beginnt immer um 6 Uhr morgens im Bett seines Hotelzimmers mit dem Auslösen des Radioweckers. In dem Ort, in dem er sich aufhält, Punxsutawney (Pennsylvania), begeht man diesen Tag, den 2. Februar, als den Tag des Murmeltiers (Groundhog Day). Connors wird nach vielen Zyklen erst in dem Moment erlöst, als er sich mit dem Schicksal der ewigen Wiederkehr abgefunden hat und versucht, das Beste daraus zu machen. Da wacht er am 3. Februar auf: die Kette der Zyklen ist geknackt. Und Connors ist nicht mehr der egozentrische, zynische TV-Wetteransager von einst. Er ist christlich veredelt, buddhistisch gereinigt, ein guter Mensch, ein erleuchteter Weiser.

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